Rebellion 

Gruppenausstellung mit
Nadja Athanassowa,
Joachim Gutsche,
Jonas Lipps,
Inka Meißner,
Ulla Rossek,
Nora Schultz

kuratiert von Cosima Rainer
eingeladen von Ulla Rossek

Eröffnung: Freitag, 24.04.2015, 19 Uhr
Ausstellungsdauer: 25.4.2015 – 6.6.2015

Auf Einladung von Ulla Rossek versammelt die Ausstellung Arbeiten verschiedener Künstler, die sich im Projektionsraum einer Behauptung von Rebellion befinden. Die Frottage einer griechischen Euromünze auf der Einladungskarte und der Ausstellungstitel ziehen zwar kämpferische Verbindungslinien zu drängenden wirtschaftspolitischen Diskussionen, doch die gezeigten Werke und Strategien sind alles andere als laut. Vielmehr überwiegen reduzierte Gesten, die das Klischee von Rebellion unterlaufen. In einer vom Ideal der Produktivität durchdrungenen Gesellschaft behaupten sie jedoch eine möglicherweise inspirierende Verweigerung und Abwehr gegenüber den allgegenwärtigen Aktivitäts- und Produktionsappellen.

Für die Ausstellung änderte Ulla Rossek zunächst die Raumabfolge: Der Vorraum und Gang, in dem sich üblicherweise der Empfangs- und Bürotisch befindet, wurde zu einem eigenständigen Ausstellungsraum, der Arbeitsbereich wiederum wurde in den sogenannten "Hauptraum" transferiert. Der überwiegend leer gehaltene Eingangsraum erinnert nun – nicht zuletzt durch seinen alten Steinboden – an eine Mönchszelle oder ein verlassenes Sanatorium. In diesem Raum ist ein von Ulla Rossek hergestelltes Buch zu sehen, welches Texte aus unterschiedlichen historischen Büchern verbindet, die sich mit dem Wesen und Begriff des Geldes auseinandersetzen. Für das Buch wurden die Texte Seite für Seite mit einem Bibliothekscanner reproduziert und dann von Hand gebunden. Die aufwendige Handarbeit erinnert an das einst wichtige Duplizieren von Büchern in Skriptorien und steht im Kontrast mit der heute als unkreativ angesehenen Tätigkeit des Kopierens. Neben dem Buch kann man sich die Texte auch von der Künstlerin vorgelesen über Kopfhörer anhören. Unter den ausgewählten Texten befindet sich der skurrile und anarchische Briefroman "Geldkomplex" von Franziska zu Reventlow aus dem Jahr 1916. Die notorisch verschuldete Protagonistin flüchtet darin in ein Sanatorium, um ihren Komplex zu therapieren. Paul Schilders Text "Psychoanalyse der Volkswirtschaft" von 1940 diskutiert, ob die Psychoanalyse möglicherweise das Geld nicht ernst genug genommen hat. Zahlreiche Trauma und Neurosen stammen wohl mehr aus finanziellen Notlagen, denn aus der Kindheit. In Simcha Ejges Dissertation "Das Geld im Talmud" von 1930 beschreibt er, wie im Talmud die Kurrentfähigkeit von Münzen durch das Volk und dessen Akzeptanz definiert wird. Dass es auch nicht akzeptiert werden kann, beschreibt er anhand einer Überlieferung, in der die Bevölkerung unter der römischen Besatzungsmacht, deren oft wechselnden neugeprägten Münzen nicht angenommen haben und stattdessen ihre alte Währung weiter verwendet haben.

Dies räsoniert auch im Beitrag von Nadja Athanassowa, die Ihre Arbeit für die Ausstellung eigens vor Ort herstellte. Sie besteht aus einem Textfragment aus dem Lukas-Evangelium (22,52), das direkt auf die Wand geschrieben wurde. Konkret stammt das Zitat aus der Pattloch-Übersetzung und lautet „Wie gegen einen Rebellen seid ihr ausgezogen...“. In anderen Übersetzungen wird das Wort für Rebell meist mit Mörder, Räuber, Dieb, Aufrührer übersetzt. Die politische und spirituelle Dimension der Gefangennahme Jesu wird durch das Wort "Rebell" allerdings besondere Betonung verliehen. So wird zum Beispiel der Versuch einer Unterstellung seitens der Pharisäer, Jesus habe verlangt, dass dem Kaiser, also der Besatzungsmacht, keine Steuern mehr bezahlt werden, einbezogen. Der Vorwurf, er sei gekommen um die religiösen Gesetzte umzuwerfen, er sei also ein spiritueller Aufwiegler, wird mit dieser Übersetzung ebenfalls betont.

Mehr als das abgeschlossene Werk interessiert Nora Schultz das Entstehen von Bildern und Objekten und ihre physischen Spuren. Der Herstellungsprozess nimmt daher in ihren Drucken, Druckmaschinen, Installationen und Performances eine zentrale Rolle ein und bleibt als Vorgang immer erkennbar. In der Ausstellung ist von Nora Schultz ein überdimensionaler, selbst gedruckter Geldschein aus ihrer Serie „money-test “ (2012) zu sehen. Der anarchische Schein hängt von der Decke und thematisiert seinen Status als Kunstwerk zwischen Haltung und Ware.
Im selben Raum befinden sich Monotypien von Inka Meissner. Die Printserie ist Teil der Arbeit „Roma Termini“, zu der auch ein Video-Clip gehört. Beiden Teilen liegen I-Phone Aufnahmen zu Grunde, die die Künstlerin während einer Romreise erstellte. Wie schon in vorangegangen Arbeiten der Künstlerin taucht auf den Drucken das Rohrschachmotiv auf, das an die momentane Konjunktur neurowissenschaftlicher Diskurse erinnert. Den Rohrschachbilder beigestellt sind Bilder der Inkrustationen aus der Basilika Sancta Maria ad Martyres. Die dortigen Steinschnitte rahmen rechts und links Grabstätten einer Reihe von Malern und Königen. Sie weisen Ähnlichkeiten mit der Form der Rohrschachbilder auf, bewegen sich aber vielleicht wieder woanders hin. Ebenfalls zum Werk gehört ein Video, das den Gang durch die Unterführung von Roms Hauptbahnhof zeigt. Die Unterführung ins Zentrum der Stadt wird vor allem von Autofahrern genutzt. Es gibt dort keine Beleuchtung außer dem Tageslicht. Seit einigen Jahren wird er nachts als Unterschlupf von afrikanischen Flüchtlingen genutzt, die ihren Weg in die EU suchen. Inka Meißner zeigt "Alienbilder" von Orten, Situationen und Momenten, die gesellschaftlich nicht integriert sind.

Ähnlich befremdende Wirkungen können die Aquarelle von Jonas Lipps auslösen. Sie sind bevölkert von seltsamen Wesen und Figuren, die sich gegenseitig auflauern, aufessen oder im Traum erscheinen. Lapidar und in faszinierender farbenfroher, kindlicher Manier gemalt, werden Lipps Ungeheuer "aus dem Schlaf der Vernunft" geboren. Gesellschaftliche Gewaltverhältnisse finden sich hier in scheinbar harmlose Mini-Allegorien transformiert.

Im selben Ausstellungsraum befinden sich drei Zeichnungen des Berliner Malers Joachim Gutsche aus den 80er Jahren, die vor dem Fall der Mauer entstanden. Joachim Gutsches Biographie ist stark von der deutschen Geschichte des Kalten Kriegs beeinflusst und seine Arbeiten in diesem Zusammenhang zu sehen. Ulla Rossek hat für die Ausstellung aus dem sehr umfangreichen Zeichnungs-Nachlass des Künstlers drei Arbeiten ausgewählt, die das Motiv des Geldes aufgreifen.

Im Raum befindet sich außerdem die Arbeit „o.T.“ (Knoten, c.a. 1900/2015) von Ulla Rossek.