Lucy Stein On Heat 

Lucy Stein, *1979 in Oxford, lebt in London

In der Ausstellung ‚On Heat’ kommentiert und paraphrasiert Lucy Stein Ideen und Klischees des ‚Schöpferischen’ im Kunstkontext. In den Arbeiten, die für den Eröffnungstermin vor Ostern entstanden sind, greift sie auch auf Motive und Formen zurück, die mit dem Osterfest verbunden sind - wie das Ei oder die Tradition der textilen Altarverhängungen sowie Heiligendarstellungen.

Im religiösen Zusammenhang ist Schöpfungskraft meist männlich codiert. Lucy Stein performt in ‚On Heat’ ein Formenvokabular ‚weiblicher’ schöpferischer Kraft. Dies reicht vom performativen Bearbeiten der Leinwände mit Haushaltsgeräten wie Wischmöbben und Bürsten bis zu der Bemalung von Ostereiern sowie der Übersprayung von Bildern in der Ausstellung mit Verweisen auf eine Riot-Girl Ästhetik. Weiblichkeit wird hier auch als konstruiertes Formenrepertoire oder kulturelles Produkt begriffen, das oft mit passiv-aggressiven, hysterisch-expressiven oder Psychosomatiken der Verausgabung gekoppelt ist.
Lucy Stein ist sich dieser Rollenanteile bewusst und lässt sie mitunter auch satirisch in der Ausstellung einfließen. Das Motiv des Eis, das auch weiblich konnotiert ist, zieht sich dabei durch die ganze Ausstellung und taucht als Material, Form, Zitat und Symbol auf. Die Farbe mit der Fliesen, Leinwände, Papier und Eier bemalt sind, ist Eitempera. Die bemalten Ostereier und das Pamphlet zur Ausstellung, dessen Text auf eine Eiform gedruckt ist, knüpfen an die Figur des „Humpty Dumpty“ aus "Through the Looking Glass, and What Alice Found There" von Lewis Carroll an. Humpty Dumpty ist ein menschenähnliches Ei, das berühmt ist für seine eigenwilligen Wortschöpfungen - auch Kofferwörter genannt. In dem Pamphlet, das als Faltblatt die Ausstellung begleitet, hat Lucy Stein ein Gedicht verfasst, das an diese Kofferwörter erinnert. Die Wörter setzen darin selbst bildliche, farbliche, lautmalerische und unsinnige Assoziationen frei, die in der Ausstellung viele Anknüpfungspunkte finden.

Ein mythisch besonders aufgeladener Ort schöpferischen Tuns ist auch das Künstleratelier. Auf Einladungskarte und Poster-Sujet befindet sich ein trashiger Schnappschuss, der einen Ausschnitt eines Künstler Ateliers zeigt. Im Zentrum befindet sich ein Heizkörper, dahinter lehnen umgedrehte Leinwände. Auf dem Heizkörper hängt eine Kopie aus einem Buch mittelalterlicher Glasfenstergestaltung mit der heiligen Katharina und am Boden liegt eine Kunstpostkarte mit einem surrealen Ei Motiv von Odilon Redon. Das Atelier Sujet bildet den Hintergrund für den aufgesprayten Ausstellungstitel, der im Stil eines Posters einer Punk Band mit roter Sprühfarbe gestaltet ist.
Lucy Stein arbeitet gezielt mit zahlreichen Versatzstücken und Assoziationen aus Literatur, Kunstgeschichte, Populär- und Alltagskultur.
‚On Heat’ durchzieht als Ganzes ein hitziger Gestus, der Konventionen, die mit Malerei verbunden sind, hinterfragt und destabilisiert. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung fällt auf, dass Steins Malereien hier nur selten konventionell als Tafelbild an der Wand hängen, sondern räumlich installativ mit ungewohnten Formen operieren. Beispielsweise als Fries aus bemalten Fliesen, das sich bodennah entlang bestimmter Wände zieht und mit figurativen und abstrakten Motiven bemalt ist oder als ‚Wall Hangings’, die ohne Keilrahmen wie Wandteppiche oder Türverhängungen geradezu interventionistisch an die Wand genagelt sind. Dazu kommen die oben beschriebenen Poster, eine registerartig wandfüllende Hängung von Zeichnungen und ein Baum mit bemalten Ostereiern. Der alte Elektroheizkörper, der inmitten dieser Rauminstallationen steht und zu einem Bildträger umfunktioniert wurde, wirkt hier wie eine humorvolle Persiflage auf heroische Ideen vom künstlerischen Schöpfungsprozess.